Otto von Bismarck – Burschungsvortrag von Marcel Kinzen

Otto von Bismarck

Dämonisierung und Heroisierung

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, kaum eine zweitere Persönlichkeit wurde für seine Taten vom Volk so geliebt und gehasst.

Durch ihn kam es zur kleindeutschen Lösung. Bismarck wurde zum Volkshelden, zum Gründervater und zum ersten Kanzler des Deutschen Reiches. Sein Name verkörpert die Sozialgesetzgebung und zugleich den Kampf gegen Sozialisten, sowie gegen die katholische Kirche. Selbst nach seinem Tod lebte der Mythos Bismarck weiter und wurde für die Ziele anderer instrumentalisiert.

Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 in Schönhausen an der Elbe geboren.

Nach seinem Abitur und Jurastudium übernahm er 1836 ein Amt als Referendar in der Aachener Provinzialverwaltung ein. Schon bald vom bürokratischen Alltag gelangweilt quittierte Bismarck zwei Jahre später seinen Staatsdienst und bewirtschaftete zwischenzeitlich die Güter seines Vaters.

Im Mai 1847 wurde Bismarck Abgeordneter im Vereinigten Landtag, wo er sich als Verteidiger der Krone gegen den aufkommenden Liberalismus profilierte. 1851 wurde er von Friedrich Wilhelm IV

zum preußischen Gesandter am Bundestag in Frankfurt berufen, als Dank für sein Mitwirken bei der  Zerschlagung der Märzrevolution 1848. Nachdem Bismarck auch preußischer Gesandter in

St. Petersburg und Paris wurde, berief man ihn 1862 zum Ministerpräsidenten, durch Wilhelm I.

Einigungskriege

Deutsch-Dänischer Krieg

Nach 1848 befanden sich die Herzogtümer Schleswig und Holstein in Hoheitsgewalt von Dänemark. Der dänische König Friedrich VII versuchte 1863 die beiden Herzogtümer vollständig einzugliedern, womit er gegen das Londoner Protokoll von 1852 verstieß, welches eine stärkere Bindung an Dänemark untersagte. Unter Geheimhaltung wandte sich Bismarck an Wien und fand in Österreich einen Verbündeten für den aufkommenden Feldzug.

Als es im selben Jahr noch zur dänischen Verfassungsänderung kommt, werden Schleswig und Holstein faktisch annektiert. Es kommt zum Krieg, welcher am 18. April 1864 seine Höhepunkt in der entscheidenden Schlacht bei den Düppeler Schanzen findet. Denn Bismarck wollte nicht mühelos gewinnen. Ein überragender Sieg sollte her! So entschied man sich bei der Stürmung der Düppeler Schanzen für einen Frontalangriff, der nur unter großen Verlusten zum Sieg führen konnte. Trotz über tausend Toten auf beiden Seiten und viel unnötigen Elend, wurde die Erstürmung als Zeichen deutschen Heldenmutes und Tapferkeit gefeiert.

Deutscher Krieg

Österreich und Preußen waren nun siegreiche Waffenbrüder und teilten die Herzogtümer unter sich auf. Doch Bismarck verfolgte die Verwirklichung eines in sich geschlossen Preußens und versucht mit Österreich Konditionen für ein preußisches Holstein auszuhandeln. Die Lage verschärfte sich über die Jahre und er stellte Wien ein Ultimatum „Entweder aufrichtige Allianz oder Krieg, bis aufs Messer.“. Einen deutsch-deutschen Krieg wollte das preußische Volk jedoch nicht. So kam es unter anderem zu unzähligen Bittschriften an Bismarck, in denen man an ihn appelliert den Frieden zu bewahren. Am 7 Mai 1866 drückte sich die Missgunst gegenüber Bismarck unter dem Volk in einem Attentat auf ihn aus. Er wurde dabei zwar nicht ernsthaft verletzt, doch der Anschlag fand viel Sympathie in Süddeutschland und der Attentäter, welcher später im Gefängnis Suizid beging, wurde als Märtyrer der Freiheit gefeiert. Doch trotz der Ungunst des Volkes gegen ihn verfolgte er weiterhin eine gewaltsame Lösung um die Vorherrschaft in Deutschland mit Österreich und bekam im selben Jahr seinen Krieg im Juli und einen schnellen Sieg noch hinzu. Schleswig-Holstein ging vollständig an Preußen. Schon bald galt er als populärster Mann des Reiches und fand sogar unter Demokraten und Liberalen mehr und mehr Zustimmung.

Deutscher-Französischer Krieg

Der Gipfel der Wertschätzung Bismarcks resultierte über den Sieg Frankreichs und der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1870/71.

Grund für den Konflikt war das Angebot der spanischen Krone an das preußische Haus der Hohenzollern. Frankreich fürchtet dadurch eine Einkreisung durch Preußen. Woraufhin

Napoleon III ein Telegramm an Wilhelm I zusendete in dem er verlangte, dass Preußen die Krone ablehnte. Bismarck leitet diese Aufforderung, welche auch als „Emser Depesche“ bekannt ist, an die Presse überspitzt weiter. Sowohl die französische, als auch die deutsche Bevölkerung war nach der Veröffentlichung aufgebracht Der französische Kaiser gab dem öffentlichen Druck nach und erklärte Preußen den Krieg. Eine Handlung, die Bismarck einkalkuliert hatte, denn nun stand Frankreich als Aggressor dar. Nach dem Sieg über Frankreich und der Proklamation des deutschen Kaiserreiches, sah sich der neue Reichskanzler einer nie zuvor dagewesenen Beliebtheit gegenüber. Doch schon bald sollten ihm wieder die Hörner aufgesetzt werden.

Kulturkampf

Die katholische Kirche fühlt sich von den immer stärker werdenden liberalen Einfluss in Europa bedroht. Als Reaktion darauf versucht Papst Pius IX dem mit kirchlichen Weisungen entgegenzuwirken.

1864 wird der Katalog „ Irrtümer unserer Zeit“ veröffentlicht, nachdem sich jeder mit der Kirche im Widerspruch befindet, der zum Beispiel der Meinung war Kirche und Staat seien zu trennen.

Bismarck sah darin eine Provokation, denn dies war für ihn ein Eingriff in den deutschen Nationalstaat. 1870 erklärte sich der Papst unfehlbar in den Punkten Religion und Sitte, um so seine Autorität zu festigen. Hinzu kommt, dass durch die Reichseinigung die katholische Minderheit, im stark protestantischem Preußen, auf ein Drittel anstieg. Zeitgleich bildete sich die Zentrumspartei, die sich als Vertretung des politischen Katholizismus sah. In den folgenden Jahren reagierte der eiserne Kanzler auf diese nun politische und gesellschaftliche Bedrohung mit einer viel zahl von Gesetzten. Diese ermöglichten unter anderem die Haftstrafe von Geistlichen, Beschlagnahmung von kirchlichen Eigentum und hatten die Austreibung des Jesuitenordens zur Folge. Das harte Vorgehen Bismarcks gegen die katholische Kirche rief selbst Kritik von Protestanten und Liberalen hervor. Von 1871 bis 1878 waren 1800 Pfarrer in Haft, 16 Millionen Mark beschlagnahmt und die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abgebrochen. Nach dem Tod von Pius IX 1871 rückte der tolerantere Papst Leo XIII nach. Der Kanzler nutzte diese Gelegenheit, um ohne allzu großen Gesichtsverlust, sich der katholischen Kirche wieder anzunähern. Denn Bismarck benötigte die Unterstützung der katholischen Zentrumspartei für die kommenden Sozialgesetze.

Sozialgesetze

Schlechte Arbeitsbedingungen in den Fabriken mit Schichten von 12 bis 14 Stunden, Sonntagsarbeit und geringen Löhnen führten zu Protesten und der Bildung von Arbeiterbewegungen, deren Unzufriedenheit durch die wirtschaftliche Depression verstärkt wurde und den Klassenkonflikt verschärfte. Die Gewerkschaften und Sozialdemokraten sahen sich als Sprachrohre dieser umher kreisenden Unzufriedenheit. Der Reichskanzler aber empfand sie als zentralen inneren Feind.

So entschied er sich für eine zweigleisige Strategie um gegen die Sozialdemokraten vorzugehen.

Auf der einen Seite wurden Arbeiterbewegungen unterdrückt, auf der anderen versuchte man die Arbeiter durch Sozialgesetze an den Staat zu binden. Die Idee war, dass wenn der Statt ihnen ein gewisses Maß an Sicherheit garantiert sie sich ihm gegenüber verpflichtet fühlen würden.

So entstand 1883 die Krankenversicherung, der ein Jahr später die Unfallversicherung folgte und 1889 dann die Rentenversicherung.

Kritik an den Gesetzen:

Liberale Bewegungen empfanden die Gesetze für zu arbeiterfreundlich und sahen in ihnen einen versteckten Sozialismus, während die katholische Kirche kritisierte, dass sie die kirchliche Pflicht der Nächstenliebe untergraben würden. Und Unternehmer fürchteten um entstehende Gewinneinbußen. Die Sozialdemokraten und Arbeiterbewegungen wollten wiederum die Gesetze nicht als Ersatz für verbesserte Arbeitsschutzmaßnahmen und verkürzten Arbeitszeiten. Doch feierten die Gesetzgebungen als kleinen Sieg.

Der Bismarck-Mythos

In den den 1880er Jahren verdichtet sich der Eindruck, dass Bismarcks Zeit abgelaufen ist und so kommt es 1890 zu seiner Entlassung durch Wilhelm II. , die unter dem Volk mit Erleichterung aufgenommen wird. Zu seiner Verabschiedung in Berlin säumten gegen aller Erwartungen Tausende Menschen die Straßen, die das Erbe des eisernen Kanzlers nicht vergessen hatten. Dieser abermalige Umschwung in der öffentlichen Meinung sollte noch lange widerhallen.

So kam es, dass ihm zu seinem 80. Geburtstag (1895) 370 Städte die Ehrenbürgerschaft verliehen. Und aus allen Ecken des Reiches kamen Delegationen an, sowie tausende von Telegrammen und Glückwunschkarten.

Nach seinem Tod 1898 fing der Kult um seine Persönlichkeit an ungeahnte Maße anzunehmen.

Grund dafür haben unter anderem seine noch im selben Jahr erschienene Memoiren „Gedanken und Erinnerungen“. Die erste Auflage aus 100.000 bestehenden Exemplaren war so schnell ausverkauft, dass man kaum mit dem Druck hinterher kam. Und in ganz Deutschland schossen wie Pilze überall Denkmäler zu seinem Ehren aus dem Boden. Von den heute mehr als 300 erbeuten Bismarckdenkmälern ist das größte mit 35 Meter Höhe in Hamburg zu finden.

Nach seinem Tod wurde der Bismarck zur Leitfigur des Nationalismus. So wurde der Mythos um ihn verwendet um 1914 das deutsche Volk für den ersten Weltkrieg mobil zu machen. Es hieß man müsse das Erbe Bismarcks nun vollenden. Zu seinem 100. Geburtstag fand seine Glorifizierung seinen Höhepunkt als hieß, dass sein Schatten mit den deutschen Soldaten gemeinsam in die Schlacht zieht und sein Schwert es ist, dessen Schläge draußen so furchtbar widerhallen.

Nach dem ersten Weltkrieg trauerten viele dem einstigen Kaiserreich nach und so hieß das Motto der Rechten in der Weimarer Republik „Zurück zu Bismarck“. Nutzte man zuvor vor 1918 den Bismarck-Mythos um das damalige Kaiserreich zu beglaubigen, diente er nun als Argument gegen die aufstrebende Demokratie in Weimar. Auch die Nationalsozialisten  instrumentalisierten den eisernen Kanzler für ihre Zwecke. Zu Bismarcks Geburtstag 1933 hieß es  von Propagandaminister Geobbels im Rundfunk: „Bismarck war der große staatspolitische Revolutionär des

  1. Jahrhunderts, Hitler ist der große staatspolitische Revolutionär des 20. Jahrhunderts.“

Mit zunehmender macht war die NSDAP jedoch immer weniger auf den Bismarck-Mythos angewiesen um ihre Stellung zu legitimieren. Stattdessen besannen sich konservative auf ihm zurück als klar wurde das Hitler die Existenz des Deutschen Reiches gefährdete.

Bismarck, eine Persönlichkeit die während seinen Lebzeiten zornig geliebt wurde und dessen öffentliches Ansehen im Laufe, mit all seinen wiederkehrenden Höhen und Tiefen, einer Sinuskurve glich. Für sein Volk war er Dämon und Heros zugleich, doch das Erbe des Reichsgründers blieb nie vergessen und währt noch heute.

Otto von Bismarck – Burschungsvortrag von Marcel Kinzen