Heimatgefühle eines Kosmopoliten – Vortrag von Prof. Dr. Schütt

Bereits zum Thema „Ethik als Politik“ hatte uns Prof. Schütt, ehem. Dekan der Geisteswissenschaften am KIT, einen besonderen Einblick in das Semesterthema ermöglicht. Mit einer zugegeben durchaus vorhandenen Erwartungshaltung hatten wir seine Frage nach den „Heimatgefühlen eines Kosmopoliten“ erwartet und wurden nicht enttäuscht. Die Perspektive des Philosophen und Mathematikers führte von einer poetischen Einleitung, über die Geschichte der Suche nach Heimat, bis zur Psychologie von Kleinbürgerlichen und Akademikern. Grundlage war die These einer intellektuellen Bücherheimat von Kosmopoliten und die Antithese der emotionalen Bindung jeder Person an die jeweilige Herkunft. Im Zuge dessen durften wir der biographischen Entwicklung seiner Heimatgefühle lauschen.

Die Frage nach Heimat ist die Frage einer Gesellschaft nach der politisch-industriellen Doppelrevolution. Die europaweit nach und nach errungenen persönlichen Freiheiten haben im 19. Jahrhundert, gepaart mit der zusehends verbesserten Mobilität, auch den gemeinen Menschen aus der Verwurzelung entrissen. Dass das Leben zusehends weniger an einen Ort und die lokalen Bräuche und Traditionen im immer wiederkehrenden Jahreskreis gebunden war, zerstörte Bindungen die über Generationen bestanden. Denn der heimatliche Bezug auf die Herkunft war stets sehr eng gefasst. Der eigene Dialekt reichte genauso wie bekannte Bräuche und Küche lediglich wenige Dörfer weit. Die Akkumulation von Menschen verschiedener Herkunft in Städten der neuen Massengesellschaft brachte keine adäquaten Traditionen und Bindungen hervor, zumal der Verbleib in einer Stadt über Generationen hinweg für die meisten eine Ausnahme bleibt. Speziell in Deutschland wurde die Durchmitschung durch die Vertriebenen im 2. Weltkrieg und heute durch Zuwanderung zusätzlich stark beschleunigt. Die Idiome und die Kultur der Ost- und Teile der Mitteldeutschen sind bereits erloschen, die Nationalkultur und Hochsprache ist durch Medien und Mobilität überdominant. Und selbst die wird von Internationalem verdrängt, jeder trägt Jeans, Wissenschaftssprache ist Englisch.
Doch kann Heimat, gerade in intelektuellen Kreisen, nicht vielmehr mit Werten und Bildung verbunden sein? Gelehrte waren schon immer hochmobil, an mehreren Bildungsstätten aktiv und international vernetzt. Dafür ist sogar ein kulturgeschichtlicher Begriff geprägt: res publica litterara. Die Gesamtheit der europäischen Intelektuellen die schon vor der Industrialisierung im stetigen, zumindest brieflichem Austausch standen. Ist der Begriff Heimat nicht vielmehr ein Bedürfnis, ein Wunsch? Damit wäre er per Definition nicht feststehend, sondern gemacht! Ein vieldeutiges Gefühlskonvolut, das mit dem verbunden ist was das Individuum prägt. Ein gelungenes Beispiel dafür mag die „portative Heimat“ sein, wie Juden die Throa bezeichnen. „Die beste Definition von Heimat, das ist eine Bibliothek“, legt Nobelpreisträger Elias Canetti einer Figur in seinem Roman „Die Blendung“ in den Mund. Doch diese Aussage wird ad absurdum geführt, da sie zum aus dem Mund einer zumindest weltfremden, vielleicht labilen Person kommt deren Leben sich ausschließlich in der heimischen Bibliothek abspielt. Außerdem geht ihr ein weiterer bezeichnender Satz vorraus: „Jeder Mensch braucht eine Heimat, eine Heimat, die Boden, Arbeit, Freude, Erholung, geistigen Fassungsraum zu einem natürlichen, wohlgeordneten Ganzen, zu einem eigenen Kosmos zusammenschließt.“ Das scheint nur einem weltfremden Eremiten in seiner Bibliothek gegeben zu sein.
Eine Prägung nämlich ist biologisch und über die persönliche Entwicklung bestimmt. Reine Selbstbestimmung ist ein Kampf gegen die eigene Natur. Vor allem die Umwelt in der Kindheit ist für das ganze Leben prägend, wie Prof. Schütt am eigenen Beispiel verdeutlicht. Gelehrt, geforscht und seine Familie aufgebaut hat er in und um Heidelberg. Dort war für den Großteil seines Lebens sein Zentrum. Trotz aller gewachsenen Verbindung und trotz allem Fokus aufs Akademische bleibt beispielsweise die Mitgliedschaft im Verein zur Förderung des Plattdeutschen. Seine Herkunft, die Erinnerung an die Orte seiner Jugend bestimmen nach wie vor sein Bild von Heimat. Die Wurzeln die dort geschlagen werden sind natürlich nicht Imprinte auf die man kein Einfluss hat, sondern gemachte Erfahrungen die die Prägung ergeben. Diese sind jedoch nicht beliebig, eine so starke Verbindung, wie sie in der Kindheit erwächst ist nicht überdeckbar.

Heimat ist eine Beschreibung von Gefühlen, die aus einer Prägung erwachsen. Aus diesem Grund sind sie mit der Jugenderfahrungen verbunden. Eine Sehnsucht danach ergibt sich vor allem durch die Entwurzelung und fehlendem Bezug. Denn jeder Mensch braucht einen eigenen Kosmos.

Heimatgefühle eines Kosmopoliten – Vortrag von Prof. Dr. Schütt