„Demokratie und Populismus in den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert“ – ein Vortrag von Prof. Dr. Kunze

Es ist das politische Phänomen unserer Tage, er wird brandaktuell in allen liberalen Demokratien
diskutiert und problematisiert: der aufkommende Populismus. Politiker und Journalisten befürchten
und verkünden heraufziehende, historisch einzigartige Umbrüche in der politischen Landschaft.
Und den Wandel der Diskussionskultur, wie auch des Parteiengefüges, erleben wir Wahl für Wahl
mit. Folgerichtig wollen wir uns mit dieser Thematik auseinandersetzen; eine Auseinandersetzung
die mit der Einsicht einer historischen Kontinuität des Populismus beginnt. Mit der Einladung des
Professors für politische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am KIT, Prof. Dr. Kunze, wollen
wir der These nachgehen: Populismus sei zwar brandaktuell, ebenso jedoch ein alter Schuh.
Der Vortrag begann mit einer Differenzierung: der begriffsgeschichtliche Ursprung liegt zwar in der
Antike, populus bedeutet auf Latein Volk, antike Politikformen können jedoch keineswegs mit
denen heutiger Demokratien verglichen werden. Dafür sind die politischen Systeme zu verschieden,
die Proportionen unvergleichlich anders dimensioniert. Also müssen die Wurzeln unseres heutigen
Populismus beim seinem ersten Auftreten in modernen Demokratien gesucht werden. Durch eine
Analyse gemeinsamer Trends der historischen Populismen können die heutigen Umbrüche besser
verstanden und es kann zwischen Kontinuität und wirklichen Neuheiten differenziert werden.
Grundsätzlich treten populistische Strömungen immer dann auf, wenn prävalente Meinungen und
drängender Wille der Bevölkerung Widerstand in der Politik erfahren. Jede Jugendbewegung und
alle Bürgerproteste haben populistische Züge. Das erste politische Auftreten im Massenzeitalter
jedoch lag im Mutterland der Einwanderergesellschaften. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die
Elitenpolitik der Gründerväter in den USA nicht mehr mehrheitsfähig, der Bruch konnte durch
Massenmedien gesellschaftlich verarbeitet werden. Die Mehrheitsverhältnisse in der Politik
änderten sich gemeinsam mit denen in der Bevölkerungmehrheit. Teddy Roosevelt, bereits als
Kriegsheld populär, war erster Präsident dieses Bruchs. Gewählt und getragen wurde er durch
Versprechen die kleinen Leute, die wirtschaftlich Schwachen ins Zentrum zu rücken. Das
amerikanische Modell des sozialen Aufstiegs durch Selbstausbeutung war nämlich durch Kartelle,
Trusts und Monopole gefährdet. Verschiedene Programme, wie eine Interventions- und
Regulierungspolitik, wurden systematisch angekündigt, versprochen und eingehalten. Kombiniert
mit der Haltung „talk softly and carry a big stick“ war es eine Politik der resoluten Haltung, des
souveränen Auftritts, das Vertrauen in eine starke Hand schuf. Die Leitmedien der USA und
Westeuropas reagierten oft mit blankem Entsetzen über diese Politik der harten Durchsetzung,
fürchteten negative Auswirkungen auf die Finanzmärkte.
In ganz anderem Umfeld stieg der Populismus in den Niederlanden auf. In den 90er und 00er Jahren
wurden dort die weltweit zweithöchsten Sozialausgaben getätigt, noch finanziert durch
schwindende Erdöl- und Erdgasvorkommen. Eine Debatte entfachte sich über die überproportionale
Inanspruchnahme durch Einwanderer, die in den Großstädten ein Drittel der Bevölkerung stellten.
Der Populismus kam auf, als diese Debatte nicht ausgetragen wurde, sondern von den Medien
sprachlich reguliert wurde. Einen Aufschrei erregte vor allem die Ächtung des Begriffs
„buitenlanders“ durch „Allochtone“. Durch politische Morde populistischer Politiker wurde ein
grundlegender Wandel der politischen Landschaft zementiert. Bis heute bleibend ist die völlige
parlamentarische Fragmentierung die von starken Vertretern populistischer Parteien dominiert wird.
Es kristallisiert sich ein gemeinsamer Rahmen für den Aufstieg von Populisten heraus,
vergangene und heutige. Eine Plattform wird ihnen geboten, wenn an der Spitze einer
demokratischen Vertretung starke Wünsche und starker Wille der Bevölkerung keine Entsprechung
findet. Populisten sind starke Persönlichkeiten die durch eine Resolute Durchsetzung punkten, ohne
dabei den Bezug zur Basis zu verlieren. Im Gegenteil werden Positionen der Masse aufgegriffen, an
den gesunden Allgemeinverstand statt Expertenwissen appelliert und daraus eine Marke geschaffen.
Eine Marke, die in einer Antiposition begründet liegt. Eine Antihaltung nicht nur in bestimmten
Debatten, sondern gegen die bisherige Volksvertretung überhaupt, gegen Berufspolitiker, gegen
Bürokratie, gegen etablierte Medien. Somit ist der Populismus ein typisches Phänomen der
repräsentativen Demokratie. Eine immer wieder auftretende Erscheinung konkurrierender Politikund
Politikertypen innerhalb des demokratischen Systems. Eine situationsgebundene Reaktion auf
erstarrende Spitzenpolitik. Gerade im hochideologischen Zeitalter, in den 20er und 30er Jahren,
traten keine Populisten auf, sondern durch ein starres und ideologisches Programm motivierte
Massenbewegungen. Neu sind vor allem die neuen Medien, die ganz andere Plattformen für
Populisten bieten. Die direkte, unkontrollierte und unkommentierte Kommunikation von Politikern,
vor allem von Exekutivorganen mit der Masse der Bevölkerung gab es bisher nicht. Zudem treten in
Deutschland populistische Strömungen auf, die unüblicher Weise ihre Spitze immer wieder stürzen.
Es war eine große Ehre Prof. Kunzes historischen Hinweisen zu lauschen, darüber hinaus sehr
überraschend. Den aktuellen Rummel um den Populismus bewerten man spontan als neues und
unerklärliches Phänomen. Doch wenn man wohlbekannte Merkmale erkennen kann, ist eine
Beschäftigung mit wirklichen Neuheiten in dieser Politik möglich. Dafür danken wir unserem
Gastredner, insbesondere da die nächste Verastaltung eine Diskussionsrunde mit Thema Populismus
und soziale Medien sein wird.

„Demokratie und Populismus in den USA und Deutschland im 20. Jahrhundert“ – ein Vortrag von Prof. Dr. Kunze